Thorsten Wingenfelder und Christian 'Pips' Pegel sprechen ueber die Arbeit am und im Projekt Little Red Riding Hood ...

Little Red Riding Hood

Thorsten:
Little Red Riding Hood ist in allererster Instanz ein Projekt und keine Band. Alle Leute schwimmen auf der selben Welle, deswegen war es ein sehr entspanntes Arbeiten. Es gab nicht diese Band-Reibereien und -Spannungen, die man sonst immmer braucht, um eine Platte zu machen, sondern es war eine andere Form des Zusammenwirkens, naemlich ein unglaubliches Probieren, ein nicht aufhoeren wollendes Austesten von Sachen, von Sounds, von Varianten. Es gab keine heiligen Kuehe, man durfte alles schlachten und wieder neu zusammensetzen. Dadurch ist diese relative Vielfalt entstanden, allerdings auf einem ganz anderen musikalischen Gebiet als Fury es macht.

Und was ich auch noch wichtig finde, ist, dass Kai als Texter und als Saenger auf so eine Musik komplett anders reagiert als bei Fury. Die Art zu singen, die Varianten, die er auf einmal preisgibt, die gab's bei Fury nicht: dass er anfaengt, hoch zu singen, zu fluestern, dass man ein Duett machen kannmit Astrid North von Cultured Pearls, dass er einen Rock-'n'-Roll-Song schreien kann, auf einmal ganz leise Toene singen kann und auch anfaengt, rhythmisch zu betonen. Und er schreibt ganz andere Texte. Das heisst nicht, dass hier jetzt alles nur besser ist; aber es war im Grunde eine Offenbarung fuer uns, das mal zu erleben. Denn zehn Jahre lang den gleichen Film zu fahren ist unertraeglich.

Studio

Thorsten:
Wir haben je nach Situation live eingespielt oder mit Samples gearbeitet. Das Basis-Backing war meistens da, und wir haben dann ausgetauscht, dazugepackt und Arrangements veraendert. Wenn man gut gearbeitet hat und kreativ war, wurde der Song an einem Tag reissbrettmaessig hochgezogen und wir wussten genau, was als naechstes zu machen war. 'Howard Beal', die einzige wirkliche Rock-Nummer, nur mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gesang, entstand im Ruck-Zuck-Verfahren: vier vor, Arrangements gemacht, ausgetestet und aufgenommen.
Die Akustik-Nummer 'Cannonball' war ein first take. Urspruenglich wollten wir daraus einen Song mit kompletter Instrumentierung machen. Wir haben das Stück am Tag davor geprobt, sind ins Studio gefahren und haben's einfach aufgenommen und so gelassen.

G&B:
Es gibt ja einige schoene cleane Gitarren, die Flaechen schaffen. Wie sind die entstanden ?

Thorsten:
Einfach mit Delays und Hall. Manchmal wurde der Effekt gleich live und stereo eingespielt, aber dann musst du vorher sehr genau wissen, ob du es auch wirklich so willst.

G&B:
Habt ihr viel an Sounds rumgefrickelt ?

Thorsten:
Es ging, aber wir haben uns nicht zum Knecht der Sounds gemacht. Wir benutzten natuerlich schoene Instrumente und gutes Equipment, aber eigentlich nimmt man, wenn die Kreativitaet fliesst, darauf keine Ruecksicht. Noch nicht mal, ob alte oder neue Saiten auf der Gitarre sind. Da geht man einfach rein und macht es einfach. Wenn es dann akzeptabel war, haben wir es so gelassen; wenn der Sound Scheisse war, wurde es noch mal gemacht.

G&B:
Du bist ja eigentlich Rhythmus- als Solo-Gitarrist ...

Thorsten:
Ich spiele ueberhaupt keine Soli auf dieser Platte. Mir ging es hier nicht ums Gitarrespielen, sondern mehr um Stuecke, Komponieren, Ideen, eben darum wie man einen Song so klasse macht, dass er seinen Platz auf der Platte verdient hat.
Du darfst LRRH nicht als normale Band sehen, ich habe z.B. auch Keyboard gespielt. Mein Job lag mehr darin, den Berater zu spielen, eben den Typen, der dem Paten ins Ohr fluestert, wie man's machen koennte. Manchmal kann es sein, dass du eine Nummer komponierst und im Endeffekt keinen einzigen Ton draufspielst. Aber man sitzt dahinter und sagt: "Ja, geil so", oder "Das ist es noch nicht."

Geschaeft

G&B:
Die Songs haetten von der Substanz her auch von Fury in the Slaughterhouse sein koennen. Wie sieht es im Moment mit der Band aus ?

Thorsten:
Wir sind gerade in den Can-Studios, machen Demos, und gucken, was fuer Songs dabei herauskommen. Es ist so eine Mischung aus halb ernst aufnehmen und eroertern, was wir machen. Ich denke mal, dass wir Ende des Jahres die neue Platte fertighaben, und dass sie im Maerz rauskommt.

G&B:
Warum habt mir mit LRRH die Plattenfirma gewechselt ?

Thorsten:
Als wir unser Projekt angeboten haben, bewarben sich auch SPV und RCA, aber uns war daran gelegen, aus dem ganzen ueblichen Dingen mal rauszukommen. Das ist einfach geiler. Ich habe noch nie mit der EMI oder Sony zusammengearbeitet, und es ist einfach interessant, zu lernen und zu sehen, wie die das machen. Und im Augenblick ist es halt klasse und spannend.

G&B:
Worin liegt der Unterschied ?

Thorsten:
Du kannst das nicht vergleichen. Wir machen seit zehn Jahren die Furys und wir haben mit Leuten zu tun, die wir schon seit fuenf Jahren kennen. Ich habe damals den Vertrag unterschrieben, da waren wir mit den Plattenverkaeufen so bei 80.000 Einheiten pro Album. Und dann kam der Sprung auf Gold, auf 300.000 verkaufte Alben. Unter solchen Bedingungen kommst du natuerlich mit einem anderen Selbstbewusstsein hier bei der EMI rein: Du lieferst eine Platte ab, bei der der Gitarrist un der Saenger von Fury in the Slaughterhouse dabei sind, und wirst gleich ganz anders hofiert.

Anschliessend befragte G&B Christian 'Pips' Pegel ...

G&B:
Was genau ist Deine Rolle in diesem Projekt ?

Christian:
Ich bin eigentlich Komponist und habe dieses Projekt mit Kai zusammen angeschoben. Hier bin ich jetzt Gitarrist und auch Bassist, weil Thorsten keine Lust hatte, die Baesse zu spielen.

G&B:
Du bist aber nicht wie ein Studio-Instrumentalist an die Musik rangegangen ...

Christian:
Nein, ueberhaupt nicht. Wenn ich bei mir zu Hause oder bei Kai in seinem Studio sitze, dann sample ich irgendwelche Sachen, wir programmieren etwas zusammen und ich spiele Baesse, Gitarren oder Keyboards drauf. Wenn Kai es dann geil findet, macht er innerhalb von zehn Minuten einen netten Text und dann geht's halt los. Er nimmt das Zeug und arrangiert es durch, denn er ist ja der Saenger - er darf das.

G&B:
Im Studio hast Du die Lead-Gitarren gespielt ...

Christian:
Ich bin jetzt kein Zwangs-Gitarrist oder Zwangs-Bassmann, ich bin einfach Musiker. Ich kann auch theoretisch eine ganze Platte machen und muss keine einzige Gitarre spielen, wenn ich weiss, dass die Musik im Endeffekt von mir ist. Ich bin also nicht der grosse Gitarrenheld. Ich kann auch ganz schnell und toll spielen, wenn ich will, aber ich will nicht Steve Vai werden. Will ich nicht, brauch' ich nicht; er ist ja schon da, reicht ja. Die Zeit der Gitarrenhelden ist vorbei, keiner braucht sie. Die meisten Songs haben heutzutage gar keine Gitarren-Soli mehr, weil es egal ist. Wenn man sich Garbage anhoert, da gibt es richtig klasse Bratgitarren ohne Ende, aber keine Helden.

G&B:
LRRH macht ja auch nicht unbedingt Musik fuer Gitarristen ...

Christian:
Es gabe einige Stuecke, wo noch theoretisch mehr Gitarren-Soli moeglich gewesen waeren. Bei 'Life is too short' gab es z.B. eine Gitarre, die klang wie Frank Zappa, aber Jens sagtem es wuerde nicht passen, und so kam ich da nicht zum Zuge.

G&B:
Die Furys sind ja eigentlich bei SPV/RCA unter Vertrag, Kai und Thorsten sind mit LRRH jetzt bei der EMI gelandet. Geht das so problemlos ?

Christian:
Wenn man als Band bei einer Plattenfirma unterschreibt, muss man versuchen, dass der Vertrag nur eine Band-Exklusivitaet beinhaltet. Dadurch ist die Band an die Plattenfirma gebunden, nicht jedoch die einzelnen Kuenstler. D.h., du darfst keine Kuenstler-Exklusivitaet eingehen, denn dann bist du auch als einzelner Kuenstler vertraglich gebunden. Dann kannst du nie mal spasseshalber bei anderen Bands mitspielen. Bei den Furys ist es so, dass die Leute nur eine Band-Exklusivitaet und keine Kuenstler-Exklusivitaet haben.